Wenn die Götter im Oktober auf Reisen gehen
Der Oktober trägt in Japan auch den traditionellen Namen Kannazuki (神無月). Ursprünglich bezeichnete dieser den zehnten Monat des alten japanischen Kalenders. Die drei Schriftzeichen in den Klammern lassen sich einzeln als «Gottheiten», «ohne» und «Monat» lesen. Damit verbindet sich eine besondere Überlieferung aus dem Shintō, einer traditionellen Religion Japans: die Geschichte vom Monat ohne Götter.
Im zehnten Monat verlassen die Gottheiten ihre Schreine in ganz Japan und machen sich auf den Weg nach Izumo, im Westen der japanischen Hauptinsel Honshū. Während andernorts der «Monat ohne Götter» anbricht, wird Izumo zum Treffpunkt der göttlichen Welt: Hier beginnt der «Monat mit Göttern», Kamiarizuki (神在月).
Der traditionelle Kalender folgt allerdings einem anderen Rhythmus als unser heutiger. So werden die Gottheiten dieses Jahr am 18. November in Izumo erwartet. Am Strand von Inasa, unweit des Izumo-Taisha-Schreins, werden sie feierlich empfangen. Ein Strand, an dem tagsüber Menschen spazieren gehen, erhält für diesen Abend eine besondere Bedeutung. Nach Sonnenuntergang, um 19 Uhr, beginnt dort die Empfangszeremonie (Kamimukae). Anschliessend werden die Gottheiten in einer feierlichen Prozession zum Izumo-Taisha-Schrein geleitet.
Ein Ort für besondere Gäste
Der Izumo-Taisha-Schrein gehört zu den ältesten und bedeutendsten Shintō-Schreinen Japans. Verehrt wird hier Ōkuninushi, eine Gottheit, die den Mythen zufolge das Land Japan mit aufgebaut hat und dafür sorgt, dass Menschen zueinanderfinden.
Auf dem Schreingelände stehen zu beiden Seiten des Hauptheiligtums auch die sogenannten Jūkusha. Sie dienen den göttlichen Gästen während ihrer siebentägigen Zusammenkunft als Unterkunft.
Besonders eindrücklich ist das gewaltige Shimenawa-Seil vor der Zeremonienhalle. Das gedrehte Seil aus Reisstroh ist rund 13,6 Meter lang und 5,2 Tonnen schwer und gehört zu den grössten seiner Art in Japan. Shimenawa kennzeichnen einen heiligen Bereich. Als ich im Oktober 2013 den Schrein besuchte, liess mich schon die schiere Grösse des Seils diese Grenze spüren. Obwohl es an diesem Tag regnete, fanden besonders viele Japanerinnen und Japaner den Weg zum Schrein, um einen Wunsch auszusprechen oder ihren Dank auszudrücken. Unter den mächtigen, herabhängenden Strohsträngen wirkten die Menschen unter ihren Schirmen ganz klein.
Was Menschen miteinander verbindet
Mit dem Izumo-Taisha-Schrein verbindet sich auch der Begriff «en-musubi»: das Zusammenführen von Menschen. Man erzählt sich, dass die Götter hier darüber beraten, wer wem im Leben begegnen soll. Dabei umfasst «en» weit mehr als Liebe und Partnerschaft. Manche Menschen bleiben ein Leben lang an unserer Seite. Andere begegnen uns nur für einen Augenblick und geben uns einen Gedanken mit, der noch Jahre später nachklingt.
Wer hat Sie ermutigt, als Sie gezögert haben? Durch wen haben Sie einen besonderen Ort entdeckt oder etwas ganz neu gesehen? Und wem sind Sie vielleicht selbst im richtigen Moment begegnet?
Vielleicht haben die Götter in Izumo bei mancher dieser Begegnungen ihre Hand im Spiel gehabt.
